Interview mit Pinar Atalay:
"Desinformation ist ein riesiges Problem dieser Zeiten"

Seit 1. August ist Pinar Atalay nun bei RTL Deutschland und baut dort die Informations- und Nachrichtenangebote mit aus. Im Interview spricht sie über die Lage im Nachrichtengeschäft, Social Media und ihren Arbeitstag.

Text: W&V Redaktion

Pinar Atalay ist Journalistin und Moderatorin bei RTL Deutschland
Pinar Atalay ist Journalistin und Moderatorin bei RTL Deutschland

Es war der "TV-Hammer des Jahres", schrieb RTL Deutschland im Juni in einer Pressemitteilung. Pinar Atalay wechselt zu RTL und wird dort, hieß es, den weiteren Ausbau der Informations- und Nachrichtenangebote in zentraler Rolle mitgestalten. Seit 1. August ist die Moderatorin nun bei dem Privatsender an Bord, nach knapp drei Monaten in der neuen Rolle spricht sie mit W&V über Qualitätsjournalismus, ihren Arbeitstag und was sie jungen Menschen rät, die auch in diese Branche wollen.

Frau Atalay, gibt es eigentlich einen Schlüsselmoment in Ihrem Leben, in dem Sie für sich entschieden haben, TV-Journalistin und Moderatorin zu werden?

Ich war schon immer neugierig, habe mich für das, was um mich herum und auf der Welt passiert, interessiert. Habe die Nachrichten im Radio und im Fernsehen verfolgt und so kam früh das Interesse am Journalismus. Mit 19 habe ich dann beim Radio begonnen und war kurze Zeit später Volontärin. Und stand dann zur besten Sendezeit im deutschen Fernsehen, das hätte ich mir aber auch damals nicht erträumt.

Sie sind ja nun schon eine ganze Weile im Nachrichtengeschäft aktiv. Beim Großteil Ihrer Arbeitszeit beschäftigen Sie sich naturgemäß mit Ereignissen, die alles andere als schön sind, Kriege, Flüchtlings- und Umweltkatastrophe etc. Sicher gibt es auch immer wieder Nachrichten, die Sie persönlich erschüttern und mitnehmen. Wie schafft man es dabei, positiv zu bleiben? Was gibt Ihnen in solchen Momenten die Kraft, vor der Kamera Profi zu bleiben?

Journalismus ist ein Handwerk und da gehört diese Professionalität dazu. Mir hilft meine lange Erfahrung. Die Jahre als Moderatorin einer Frühsendung im Hörfunk oder auch durch einen Polit-Talk wie die Phoenix Runde geführt zu haben. Ich bin natürlich kein Roboter, an dem alles vorbeigeht, das wird auch mir bei manchen Themen deutlich. Aber dennoch wahre ich die berufsbedingte Distanz. 

Wie können wir uns einen typischen Arbeitstag von Ihnen vorstellen? Wie gehen Sie vor, wenn es darum geht, Nachrichten zu sondieren, sie einzuordnen und zu gewichten?

So ein Tag ist sehr, sehr lang (lacht). Ich lese mich durch diverse Zeitungen, klicke mich durch das Internet und schalte mich durch die Nachrichtensendungen. Ich bereite meine Sendung bis kurz vor knapp vor, um nichts zu verpassen. Bei "RTL Direkt" habe ich bis 22:15 Uhr Zeit, bei "RTL Aktuell" muss schon um 18:45 Uhr alles parat sein, wir senden ja jeweils live. Am meisten Zeit nehme ich mir für Interviews, ich führe ja in Berlin Gespräche mit Top-Politikern und Politikerinnen wie Cem Özdemir, Karl Lauterbach, Manuela Schwesig, da muss ich akribisch vorbereitet sein.

Die Lage im Nachrichtengeschäft ändert sich stetig, Spekulationen müssen sauber von Fakten getrennt werden. Wann legen Sie bei "RTL Direkt" genau fest, wie eine Sendung aussehen soll, was reinkommt und was nicht? Und welche Rolle haben Sie dabei?

Ich bin ja selbst auch Redakteurin, am Ende halte ich mein Gesicht raus, aber bin natürlich den ganzen Tag in die Themenfindung und Planung einbezogen. Ich schlage häufiger Gäste vor, wir diskutieren in vielen Konferenzen und davon gibt es einige, das können Sie mir glauben (lacht). Welche Themen die Menschen bewegen, wie wir helfen können, dass die Zuschauerinnen und Zuschauer das Geschehene besser einordnen können, ich sehe mich da als eine Art Dienstleisterin. Da wir bei "RTL Direkt" aktuelle Nachrichten machen, die durch Gespräche vertieft werden, müssen das Team und ich bis zum Schluss der Sendung wachsam sein, um die Aktualität abzudecken.  

Welchen Angaben kann man Glauben schenken? Oftmals ist es sicher ungemein schwer, welcher Quelle man vertrauen kann. Alle Seiten haben ein Interesse daran, ihre eigenen "Wahrheiten" zu verbreiten. Wie gehen Sie bei RTL als Team damit um?

Desinformation ist ein riesiges Problem dieser Zeiten und wir können als seriöse Journalistinnen und Journalisten unsere saubere Recherche und unser Handwerk entgegensetzen. Es ist unser Job, Quellen zu checken, doppelt und dreifach zu hinterfragen. Dafür haben wir hier bei RTL viele Möglichkeiten, beispielsweise Kolleginnen und Kollegen, die Bilder auf ihre Echtheit prüfen können.

Bringt es eigentlich gute Quote, wenn man brutale oder in sonstiger Hinsicht aufsehenerregende Bilder bringt?

Das ist nicht mein Anspruch, es geht nicht darum zu zeigen, was am heftigsten und schlimmsten ist. Wir haben eine Verantwortung und müssen dieser gerecht werden und das ist mir als Erste Journalistin bei RTL sehr wichtig.

Ihre Einschätzung: Wie ist es um den Journalismus in Deutschland bestellt? Ist er in der Krise?

Ganz im Gegenteil. In der Corona-Krise haben noch mehr Menschen den Fernseher eingeschaltet als ohnehin und dabei vor allem journalistische Inhalte gesucht und bekommen. "RTL Aktuell" hat Rekordquoten eingefahren, auch mit Corona-Sondersendungen haben wir Millionen Menschen täglich erreicht. Und gerade die Erfahrung des Wahl-Triells, das ich mit Peter Kloeppel moderiert habe, zeigt, dass uns die Menschen vertrauen und uns zusehen. Das ist gut, ist Journalismus in einer Demokratie doch unabdingbar. Und mich bestärkt, dass wir gerade bei unseren Nachrichten wie "RTL Direkt" und "RTL Aktuell" besonders viele junge Menschen erreichen.

Lassen Sie uns über den TV-Journalismus im Speziellen sprechen. An der Aufgabe des TV-Journalismus – Wissen vermitteln, aktuelle Themen einzusortieren, Orientierung geben, Fakten verständlich aufzubereiten – hat sich nichts geändert. In der aktuellen, zuweilen durch Social Media sehr aufgeheizten Stimmung ist das wichtiger denn je. Wie nehmen Sie die so genannten sozialen Medien wahr? Wo sehen Sie Chancen, wo Grenzen?

Es geht manchmal nicht mit, aber auch nicht ohne. Das Nachrichtengeschäft hat sich durchaus verändert, seit Twitter, Instagram und Co. dabei sind. Politiker und Politikerinnen äußern sich dort, Stars geben bekannt, wann ihr nächstes Album rauskommt, das geht von bis. Aber wir dürfen uns als gutes, altes Fernsehen nicht treiben lassen. Gute Recherche bedarf Zeit und Man- bzw. Womanpower und die haben wir in so einem großen Haus wie RTL Deutschland. Und dennoch müssen und sind wir auch Teil des Netzes und erreichen auch dort mit unseren News viele Menschen. Damit können wir auch der Desinformation was entgegenhalten.

Ihr Blick in die Zukunft: Was nehmen Sie mit aus dem Krisenjahr 2020/2021? Was macht Mut? 

Wir Journalistinnen und Journalisten sind mit unseren Inhalten, mit unserer kritischen Haltung Teil des Alltags vieler Menschen, erst recht in Krisen und hochpolitischen Zeiten wie diesen. Die Zuschauerinnen und Zuschauer lassen mich quasi in ihr Wohnzimmer und dafür bin ich dankbar. 

Bei den Screenforce Days sind auch viele Berufsanfänger und Studierende dabei: Was können Sie dem journalistischen Nachwuchs mit auf den Weg geben? Welche Skills muss man mitbringen, wenn man im Nachrichtengeschäft Karriere machen möchte?

Neugier, Fleiß, auch mal Mut und viele Fragen, Antworten gibt es schon genug.

Die Screenforce Academy findet zum zweiten Mal statt.

Bei der Screenforce Academy, die vom 19. - 21. Oktober zum zweiten Mal stattfindet, hält Pinar Atalay den Eröffnungstalk zum Thema:

Wie TV-Journalismus funktioniert – ein Blick hinter die Kulissen

Hier geht es zur Anmeldung zu dem kostenlosen Event für Berufsanfänger:innen und junge Marketer:innen, die ihre Karrierechancen nachhaltig erhöhen wollen sowie Studierende in den Bereichen Medien, Marketing, Journalismus und Kommunikation.



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Autor: W&V Redaktion

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